Algerien 96 - immer noch ein Traum oder immer mehr ein Alptraum ?

ein Reisebericht von Karl-Heinz Finger, alle Fotos von Dagmar Müller
(alle Koordinaten mit Datum WGS84)

 

Bilder

Von links: Kalle, Philipp, Jochen, Ute und Dagmar hinter der Kamera

Unsere Route durch Algerien

Unsere Tankstelle im Oued Mellah

Von uns am 6.11.1996 aufgestellter Reifen, markiert die westliche Zufahrt zum Gara Khanfoussa

Brunnen östlich Afara 25° 19,030' Nord 7° 41,669' Ost

Felstürme bei Afara

Bordj Sif Fatima, "richtige" Koordinaten: 31° 6,825' Nord 8° 41,263' Ost

 

Nein, ich kann es einfach nicht lassen, wie in den drei Vorjahren soll es auch in diesem Herbst wieder nach Algerien gehen. Freilich, die Situation hat sich geändert, Berichte in den Medien, Gerüchte und Mundpropaganda haben ganze Arbeit geleistet: Während das Bekenntnis zu meinem bevorzugten Reiseziel zu Beginn der politischen Krise in Algerien meist noch wohlwollend warnend kommentiert wurde, ernte ich damit jetzt fast nur noch besserwisserische Entrüstung, und das sogar von Leuten, die von Algerien nicht den Schimmer einer Ahnung haben, aber leider auch von Leuten, denen ich diesen Pauschalismus nicht zugetraut hätte.

Auch unsere Reisegruppe erwischt es noch, zwei Motorradfahrer springen - recht spät - ab. So steigt Ute , die dritte im Bunde der ursprünglich drei Zweifahrradfahrer, als Beifahrerin in Philipps Nissan King Cap - der ist froh, daß er nicht alleine fahren muß -, Dagmar mimt die Kopilotin in Jochens Mercedes 290 GD, von uns - außer Jochen - liebevoll höhnisch Merser genannt, und ich sitze - nicht zum ersten Mal - allein in meinem Toyota BJ75.

Von links: Kalle, Philipp, Jochen, Ute und Dagmar hinter der Kamera

Meine erste Beifahrerin zog nach bestandenem Examen einen unverhofft erhaltenen Zwischenjob vor - sie wird es hoffentlich noch bereuen - und die schnell gefundene Ersatzbeifahrerin erwies sich - glücklicherweise bereits im vorhinein - als wenig geländegängig. Sie fand zwar eine solche Tour super cool, hätte aber im Ernstfall wohl Sand und Sonne der Karibik vorgezogen - als wenn das eine Alternative wäre!

So fahren wir dann zu fünft in drei Fahrzeugen nach Genua. Die Ersatz-Habib - ein griechisches Schiff Namens Dame M - schöner, geräumiger, angenehmer - bringt uns nach Tunis. Mit uns auf dem Kutter sind viele andere Saharafahrer, mit Fahrzeugen jeglichen Kalibers, aber wir treffen niemanden, der wie wir nach Algerien will.

Am ersten Tag in Tunesien kommen wir nicht weit: der Merser, gerade mal ein Jahr alt und erst 10000 km auf seinem noblen Buckel, hat auf der Fahrt von Köln nach Genua einiges an Öl am vorderen Simmerring der Kurbelwelle vorbei ins Freie befördert. Das ist nicht im Sinne von Herrn Simmer! Die Merservertretung in Tunis kann entgegen ersten eigenen Befürchtungen doch noch so ein Teil auftreiben - Bestellungen dauern hier ansonsten 4-6 Wochen - Schluck-, welches wir bei Verschlimmerung des Übels selbst einbauen wollen, aber der sehr nette, sympathische deutsche Leiter wird Recht behalten, das Übel verliert sich von selbst - ein Merser hat halt doch seine besonderen Qualitäten. In Tozeur legen wir einen Zwischenstop ein, um uns noch einen letzten Motivationsschub für Algerien beim Besitzer des Campingplatzes abzuholen: "Es ist schon lange her, daß von hier aus eine Gruppe nach Algerien gefahren ist, aber die sind vorzeitig, völlig entnervt zurückgekommen."

Am nächsten Morgen stehen wir um halb sechs am tunesischen Grenzposten. Nachdem die Beamten Betriebstemperatur erreicht haben, geht alles recht schnell. Um 7 Uhr stehen wir am algerischen Grenzposten, als einzige. Die polizeilichen Formalitäten gehen noch recht zügig von statten, der Zöllner jedoch kontrolliert Jochen und mich schon recht gründlich, Philipp aber darf sein ganzes Auto leerräumen, denn der Beamte begehrt tatsächlich Einblick in jede der zahlreichen Kisten und Kästen. Es sieht jedoch nicht wie Schikane aus, der junge Algerier ist eher etwas unsicher. Um 12 Uhr - nach 5 Stunden - haben wir alles erledigt inklusive Geldwechsel und Versicherungsabschluß. Dann geht es weiter - ganze 500 Meter. Da sitzt die Gendarmerie Nationale und die will schließlich auch wissen, wer in ihrem Revier so rumfährt. Unsere Daten werden zunächst "online" mit einer Schreibmaschine in französischer, dann mit einer in arabischer Sprache erfaßt und zum krönenden Abschluß per Telefon mit Hilfe des Morsealphabets durchgegeben. Es kommen herrliche Dreher zustande, aber vornehme Zurückhaltung ist die Mutter der Porzellankiste. Mit der freundlichen Aufforderung, uns in El Oued ja wieder bei den Behörden zu melden, werden wir entlassen.

Dazu müssen wir dort jedoch keinerlei besonderen Aktivitäten entwickeln, die Kontrolle am Ortseingang empfängt uns mit Pauken und Kalaschnikows und kurze Zeit später werden wir zur Polizeistation eskortiert. Dort werden wieder unsere Daten erfaßt und wir können Richtung Touggourt weiterfahren. Erfreulich ist einzig, daß - wie wir bereits in den Vorjahren feststellten - der nette Brauch "Touristenautozielwerfen" als Disziplin für die Pubertätsprüfung der männlichen Soufjugend gestrichen ist, statt dessen ist freudiges Winken angesagt.

In Touggourt steht wieder das polizeiliche Empfangskomitee bereit und wieder werden wir zur Polizeisation eskortiert. Unsere Daten werden erwartungsgemäß wieder aufgenommen und der freundliche Beamte reserviert uns, nachdem wir unseren Übernachtungswunsch geäußert haben, sofort Zimmer im Hotel Oasis. Als wir von dort nach angenehmen Aufenthalt am nächsten Morgen weiterfahren wollen, entpuppt sich ein junger Mann, den wir zum Hotel gehörig wähnten, als Polizist in Zivil und bittet uns erneut zur Polizeistation. Dort werden wieder unsere Personalien aufgenommen, die könnten sich seit gestern abend ja geändert haben! Der Beamte hat eine unorthodoxe Arbeitsweise, er erfaßt uns parallel. So bekommt Philipp die Paßnummer von Dagmar, den Vater von Ute, die Mutter von Jochen und den Beruf von mir. Der Meisterverwechsler läßt auch von seinen Künsten nicht ab, als ihm ein anderer Beamte ein Blatt Papier zeigt, auf dem sich unsere gestern erfaßten Daten, fein säuberlich mit Schreibmaschine geschrieben, befinden. Aber was steht da oben auf dem Blatt: Telex an den Polizeichef von Ouargla. Was soll denn das bedeuten? Werden wir jetzt hier von Ort zu Ort weitergereicht? Mir wird langsam unwohl. Auch als uns der Verwechselungskünster Richtung Ouargla entläßt, hören die Gedanken in meinem Kopf nicht auf zu kreisen. Was machen wir, wenn die uns jetzt in Ouargla schon erwarten, vielleicht sogar der Polizeichef persönlich? Unterwegs berufe ich eine Krisensitzung ein. Bisher haben wir immer Timmimoun als Ziel angegeben, das ist so schön unverdächtig, aber wir wollen ja ab Ouargla quer durch die Pampa nach Illizi. Vielleicht sollten wir ab jetzt Djanet als Ziel angeben und mal sehen wie die reagieren. Philipp ist dagegen und meint, daß sie uns dann direkt einen Aufpasser ins Auto setzen. Ohne uns auf das weitere Vorgehen zu einigen geht es weiter.

Unsere Route durch Algerien

Am Abzweig nach Hassi Messaoud - von Ouargla aus gesehen - erwartet uns die erste Kontrolle: Militär. "Woher kommt ihr, wohin wollt ihr, wer seid ihr?" "Aha, Deutsche, gut, seid willkommen." Und dann nach einigen prüfenden Blicken ins Auto "Bonne Route". Ohah! Weiter geht’s. Direkt vor Ouargla die nächste Kontrolle: der Zoll. Na ja, hier kann ja nicht viel passieren. "Woher kommt ihr, wohin wollt ihr, wer seid ihr?" "Aha Deutsche, Willkommen in Algerien. Und woher kommst Du aus Deutschland? Aus Köln..., ja da hat mein Bruder zwei Jahre gearbeitet." Ich kann mich angesichts des unerwarteten geistigen Brückenschlags gerade noch bremsen, in einen meiner gefürchteten Lobgesänge über die kölsche Kneipenszene zu verfallen, und bin, nachdem ich mich auch geistig wieder in Algerien befinde, froh, bald weiterfahren können. Schon sind wir auf der Umgehungsstraße. Langsam keimt die Hoffnung, hier doch noch ungeschoren durchzukommen. Aber zu früh gefreut oder ? Da kommt die nächste Kontrolle in Sicht und diesmal ist es die Polizei, die Blauen. Aber - ich kann’s kaum glauben - kurze Unterhaltung und dann "Bonne Route". Langsam wittere ich Morgenluft. Wir erreichen die Straße nach Ghardaia. An der Tankstelle machen wir alles voll Sprit, was auch nur entfernte Ähnlichkeit mit einem Tank oder Kanister hat. Jedes Auto hat nun Treibstoff für über 2000 km Gelände, Wasser bzw. Brunnen finden wir unterwegs genug, wir haben ja diese kleinen, hübschen Orientierungshelfer namens GPS dabei, mit denen wir die in den Karten eingezeichneten Brunnen leicht finden können. Am Ortsausgang von Ouargla warten noch einmal die Blauen auf uns, aber auch nur, um uns mal wieder Bonne Route zu wünschen. Wir quälen unsere nun schwer beladenen Fahrzeuge noch die Steigung hinter Ouargla hoch und biegen kurz hinter der Militärstation - Philipp da hättest Du auch noch ein paar Meter weiter fahren können - nach links in die Pampa ab.

Alle meine Befürchtungen scheinen wie weggeblasen: Wenn die uns hier nicht mehr registrieren, sind die es selber schuld. Dann machen wir jetzt auch, was wir wollen. Aber vielleicht sind diese dämlichen Registrierungsorgien auch nur für El Oued und Touggourt vorgeschrieben und hier ist man wieder frei. Plötzlich fallen mir wieder die Worte des Gendarmen an der Grenze ein, der nach der Frage nach unserer Reiseroute unsere detaillierte Auskunft mit den Worten kommentierte: "Hinter Touggourt könnt ihr sowieso machen, was ihr wollt.". Na ja, so ganz sicher bin ich meiner Sache aber doch noch nicht. Immer wieder schaue ich in den Rückspiegel, ob uns auch niemand folgt. Unseren Abgang von der Straße haben schon einige mitbekommen. Nach ca. 20 Km kreuzen wir noch eine Asphaltstraße, die wohl zu irgendeinem Camp führt und Jochen fährt einem ausgerechnet jetzt dort vorbeikommendem Taxi mitten durchs Blickfeld. Wieder bange Blicke in den Rückspiegel, aber uns folgt niemand. Wir erreichen die Ausläufer des Oued Mya und tauchen endgültig ab in die unendlichen Weiten der Wüste.

Nun beginnt das, was wir so lieben, weswegen wir all diese Mühsal der Vorbereitung, der Anreise, der ätzenden Kontrollen auf uns genommen haben: Das Erleben dieser großartigen Landschaft, diese Stille, diese Ruhe, diese Weite, das freie Fahren durchs Gelände, das Gefühl, was nicht alltägliches zu machen, das Leben in der Gruppe. Und es soll eine schöne Reise werden.

Wir folgen dem Oued Mya auf der Ostseite - kleine Pisten oder Spuren erleichtern oft das Suchen nach den geeigneten Passagen - auf gut zu befahrenem Gelände, biegen in gebührendem Abstand vor Hassi Inifel nach Süden ab und erreichen vorbei am Oued In Sokki die Piste, die von El Golea nach Hassi Bel Guebbour führt. Dieser folgen wir nach Osten, machen einen kleinen Abstecher zum Hassi Msegguem, um an diesem Brunnen Wasser zu bunkern und mal wieder Haare zu waschen und drehen ca. 100 km vor Hassi Bel Guebbour dem Oued Mellah folgend nach Süden ab. Auf der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz verlieren wir fast Jochen. Ich sehe ihn in weiter Ferne an uns vorbeihuschen - er folgt zwei Spuren und ist der irrigen Meinung, es wären unsere - und erwische ihn gerade noch über Funk.

Wir schlagen unser Lager auf einem Vegetationsfleck im Oued Mellah auf und entdecken ganz in der Nähe ein hübsches 200 Literfaß gefüllt mit schönstem Diesel. Wie kommt denn das hierher? Nach anfänglichen Bedenken - es könnte ja die Tankstelle von Nomaden sein, aber in der Nähe des Fasses sind absolut keine Spuren zusehen - bedienen wir uns.

Unsere Tankstelle im Oued Mellah

Philipp mimt den freundlichen Tankwart von der DEA-Station und zapft Eimer für Eimer ab. Es wäre doch zu schade, wenn das Zeug hier verschimmelt. Auf die Frage nach dem zugehörigen Einkaufsschop mit dem kalten Bier und den Chips verweist er uns auf die noch ausstehende Baugenehmigung aus Hassi Bel Guebbour.

Wir fahren weiter Richtung Süden bis zur Abbruchkante vom Tinrhert-Plateau, die hier kaum zu erkennen ist, drehen dann Richtung Osten ab, um die Abbruchkante wachsen zu sehen. Als wir davon genug haben, schwenken wir Richtung Süd-Ost, queren das Oued Irharrhar und die LKW-Pisten nach Amguid und halten auf den Gebirgsrücken Ta - N - Elak zu. Wir umfahren diesen südlich, Philipp nimmt die Steilabfahrt - das hätte auch ins Auge gehen können - und wir finden eine Passage, bei der auch die Rückrichtung geht. Auf der Ostseite des Ta - N - Elak geht’s dann zurück zum Einstieg zum Khannfoussa.

Hier bin ich jetzt zum fünften Mal! Die Gegend um den Khanfussa und fast noch mehr das sich südlich anschließende Oued Mellene mit dem herrlichen Erg Tifernine im Westen und dem schwarzen Bergrücken Essaoui Mellene, einem nördlichen Ausläufer des Tassili N Ajjer, im Osten haben es mir besonders angetan. Wenn auch noch nicht alle, so hab ich doch schon eine ganze Menge der Highlights in der Sahara gesehen, aber diese Gegend hier gefällt mir zweifellos am besten. Und wenn ich zu Hause bin und mich über das schlechte Wetter, die vielen miesepetrigen Zeitgenossen, den Konsumterror oder den Alltagstress ärgere, setze ich mich im Geiste auf eine Düne im Erg Tiffernine und alles, was mich eben noch bedrückt hat, verliert sich angesichts der Größe, Ruhe und Gelassenheit, die diese Landschaft ausstrahlt, im Nirwana.

Nun aber genug der Gefühlsduseleien, wir wollen ja heute noch bis zur Südspitze des Tifferine. Die Sandpassagen vorbei am Khanfoussa, der wie eh und je traurig und einsam inmitten der Dünen liegt, bis zum Oued Mellene bewältigen wir - ganz im Gegensatz zur ersten Auflage - problemlos und tauchen dann in das wunderschöne Oued Mellene ein.

Von uns am 6.11.1996 aufgestellter Reifen, markiert die westliche Zufahrt zum Gara Khanfoussa
Position: 27° 36,353' Nord 6° 41,470' Ost, von links: Jochen, Philipp (im Reifen), Ute (im Mercedes)

In flotter Fahrt geht’s am Dünenfuß nach Süden. Natürlich geht mir das alles viel zu schnell, aber Rücksicht ist die Mutter der Fahrgemeinschaftskiste. Irgendwann werde ich hier ganz ruhig mal einige Tage verbringen. Wir erreichen die Südspitze leider nicht mehr und kampieren kurz vorher im vegetationsreichen Oued. Am nächsten Morgen statten wir dann "unserem" Balkon auf der Südspitze einen kurzen Besuch ab. An dieser Stelle kann man sehr hoch in die Dünen fahren und hat einen herrlichen Blick in das Oued Mellene und auf den Tassili N Aijer.

Weiter geht’s zum Hassi Ntsel. Der neu gegrabene Brunnen ist Wohnzimmer für viele Tauben. Da diese vermutlich nicht stubenrein sind, verzichten wir auf die Wasserentnahme. Wir folgen dem Oued Tan Mellelt und biegen hinter dem gleichnamigen Erg nach Süden ab. Hier soll der Abschnitt mit Expeditionscharakter beginnen. Aber je dicker die Steine werden, je mehr schwindet unser Entdeckergeist und schließlich kehren wir um. Wir queren das Oued Tan Mellet und registrieren, wie breit und vegetationsreich dieses Oued hier ist. Wir scheuchen ganze Rudel von Gazellen auf. Wenn ich früher froh war, auf einer Reise mal ein oder zwei davon rennen zu sehen, sind es hier an die hundert.

Wir erreichen die Piste nach Amguid und entgegen meinen guten Vorsätzen muß ich mein armes Auto schon wieder über diese üble Wegstrecke schaukeln lassen. Am Erg von Amguid holen wir kräftig Schwung, müssen dazu den kleinen Ort mit seiner Polizeistation "leider" weit umfahren, um dann auf die LKW-Piste nach Djanet zu schießen, der wir dann ca. 200 km folgen. In Höhe vom Erg Tihodaine biegen wir dann nach Osten ab und fahren an dessen Südspitze vorbei Richtung Afara.

Brunnen östlich Afara 25° 19,030' Nord 7° 41,669' Ost

Natürlich würden wir gern einen Ausflug in den Erg machen, aber durch unseren "Umweg" über Amguid müssen wir mit unserer Zeit ein wenig haushalten. Und Afara soll ja sehr schön sein. Vor zwei Jahren habe ich aufgrund widriger Umstände nur einen kurzen Blick in diese Landschaft werfen können und bin nun gespannt, wie es dort weiter geht.

Felstürme bei Afara

In der Ferne erkenne ich schon die typischen Felstürme von Afara, als mich von hinten Dagmar anfunkt: "Philipp hat Probleme mit einem Stoßdämpfer, komm zurück." Warum soll ich zurückkommen, der soll doch herkommen, ich bin doch hier genau auf der richtigen Spur! Es hilft nichts, ich muß zurück. Die Öse vom Stoßdämpfer ist aufgerissen, keine Chance, da muß er halt ohne fahren, es gibt schlimmeres. Wieder presche ich vor und komme genau so weit, wie ich vorher schon mal war. Da funkt mich Dagmar wieder von hinten an: "Philipp hat einen Rahmenbruch!" Habe ich richtig gehört? Rahmenbruch. Wie war das mit "Es gibt Schlimmeres." Wieder fahre ich zurück und da steht Philipp mitten in der Ebene. Der Rahmen ist kurz vor der vorderen Aufhängung der rechten hinteren Blattfeder fast vollständig durchgebrochen und hängt nur noch an einem ca. 4 cm breiten Streifen der oberen Rahmenseite.

Zunächst stehen wir alle etwas verdattert und ratlos umher. Aber schon bald kommen die ersten konstruktiven Beiträge: Der Rahmen muß entlastet werden, also alle schweren Sachen aus dem Auto. Und so fangen wir an zu arbeiten. Danach kommen die ersten Vorschläge, wie wir den Schaden provisorisch beheben können. Philipp hat einen kompletten Blattfedersatz dabei und einzelne davon könnten wir irgendwie da unten reinbasteln. So ca. 1 Stunde diskutieren wir und probieren ein bißchen rum und dann haben wir eine Lösung: Zwei Federblätter stecken wir mit ihrem hinteren Ende in das vordere Lager der hinteren Blattfeder , drücken die beiden Federblätter mit unseren Wagenhebern an die Unterseite des vorderen Rahmens und befestigen sie dort mit den stabilen Metallbändern, die wir auch dabei haben. So kann sich der vordere Teil des Rahmens mit Hilfe der beiden Blattfedern mit einer gewissen Vorspannung direkt auf dem vorderen Lager der hinteren Blattfeder abstützen. Genauso machen wir’s. Damit der Rahmen an der Bruchstelle nicht auseinander gehen kann, wenn die noch bestehende Verbindung reist, bohrt Philipp mit seinem an die Autobatterie angeschlossenen Akkubohrer - gehört ab sofort zu meiner Ausrüstung - ein Loch vor und hinter der Bruchstelle, steckt zwei stabile Bolzen durch und verschraubt damit mehrere Verbindungsbleche. Durch die wie eine Schiene befestigten Federblätter und den Unterteil des Rahmens wird auch noch ein Loch gebohrt und ein Bolzen durchgesteckt, damit die Federblätter nicht wandern können. Schließlich sichern wir die beiden Rahmenteile gegen ein Auseinanderdriften zusätzlich durch ein fest gespanntes Drahtseil. Es ist wirklich erstaunlich, aber das alles machen wir ohne große Aufregung und Hektik. Freilich, Philipp ist natürlich ein bißchen nervös, aber wenn man bedenkt, daß er hier evtl. sein Auto zurücklassen muß, ist er erstaunlich gelassen.

Nach knapp einem Tag haben wir’s geschafft und die erste Probefahrt steht an. Ganz langsam wird die erste Runde gedreht, dann die zweite etwas schneller. Alles bestens. "Das hält, vielleicht sogar bis Illizi" ist die einhellige, von Zweckoptimismus nicht ganz freie allgemeine Meinung. Nun werden die schweren Sachen von Philipp noch auf die beiden anderen Autos verteilt und los geht’s, natürlich ganz vorsichtig. Wir untersuchen zwar des öfteren unseren Patienten an der geschienten Bruchstelle, aber diese verharrt unverhofft stabil in der vorgegebenen Lage.

Während Philipp am nächsten Tag mit seiner neuen Reisegeschwindigkeit von max 20 Km/h Richtung Fadnoun hoppelt, kurven wir durch Afara und genießen diese schöne Landschaft. Auch hier bin ich nicht zum letzten Mal! Doch nun wird es Zeit, Philipp zu folgen. Wir fahren vorbei am herrlichen Felsturm Adaradj, der 500 m aus der Ebene ragt, und quälen uns zum Fadnoun-Plateau hoch. Die Piste ist noch viel schlimmer, als ich sie in Erinnerung habe. Ab und zu sehen wir die Spur von Philipp, also bis hierher ist er gekommen - unglaublich - , aber bei jeder Biegung die bange Frage. "Hat er das etwa auch noch geschafft?" Aber er hat alles geschafft und wartet gelangweilt kurz vor der üblen Fadnoun-Piste auf uns.

Eigentlich wollten wir dieser nur kurz folgen und dann durch das Oued Imirhou nach Illizi fahren. Aber angesichts des Rahmenbruchs scheidet das aus, da wir die Piste durch das Oued Imirhou ganz im Gegensatz zur Fadnoun-Piste nicht kennen und gehört haben, daß sie nicht ganz ohne sei.

Damit wäre dann auch mein dritter Anlauf, durch das Imirhou zu fahren, gescheitert. Aber müssen wir zu zweit auf Philipp aufpassen? Einer, Jochen oder ich, könnte es doch durchs Imirhou probieren. Ich frage Jochen, aber der hat keine Ambitionen und als auch die anderen mit meiner Extratour einverstanden sind und Ute sich als meine Beifahrerin empfiehlt, entschließe ich mich, es zu versuchen.

So hoppeln wir am nächsten Tag noch ein Stück gemeinsam über die Fadnoun-Piste und trennen uns dann am Abzweig in das Oued Imirhou. Die ersten 60 km ähneln noch, wenn auch besser zu befahren, der Fadnoun-Piste. Dann dreht die Piste nach Norden ab und das mächtige Imirhou-Tal nimmt Form an. Hier ist ja richtig was los, das Oued ist sehr vegetationsreich und immer wieder sehen wir Nomaden mit ihren Herden. Wir durchqueren mehrere kleine Hüttensiedlungen und hier und da liegen Bewohner im Sand vor ihren Hütten oder laufen uns über den Weg. Sie winken uns freundlich zu, aber niemand macht irgendwelche Anstalten, uns anhalten zu wollen. Das erinnert mich an meine lange zurückliegenden ersten Reisen durch Algerien, wo ich diese selbstbewußten, zurückhaltenden, aber dennoch sehr aufgeschlossenen, freundlichen Menschen schätzen lernte. Gerne würde ich auch hier länger verweilen, aber wir müssen morgen abend in Illizi sein, ansonsten - so lautet die Verabredung - schicken uns die anderen - sofern sie Illizi erreicht haben - Achmed Zegri auf den Hals, um uns zu suchen, und dieser Schmach möchten wir entgehen.

Die Piste zwischen den Örtchen verläuft meist außerhalb des Oueds auf deutlich erhöhtem Gelände, ist gut präpariert und offensichtlich auch leidlich befahren. Wir übernachten im Vegetationsbereich des Oueds und fahren am nächsten Morgen recht spät weiter. Wir haben noch ca. 50 Km bis zum Austritt des Imirhou in die Ebene und denken das in wenigen Stunden zu schaffen, wenn die Piste so bleibt. Nach einigen Kilometern jedoch bleiben von der gut präparierten Piste nur wenige, allerdings deutliche Spuren übrig und die Strecke verlagert sich immer mehr ins immer enger, immer sandiger und immer vegetationsreicher werdende Oued. Die Fahrt wird von Kilometer zu Kilometer abenteuerlicher. Wir folgen der gezogenen Spur oft wie auf Schienen fahrend. Mal wühlen wir uns ein Stück mitten durch das tiefsandige Oued, dann geht es mal eben über eine drei Meter hohe Stufe auf das benachbarte Niveau, dann geht es mitten durch eine Art Wald bestehend aus dünnen Bäumchen, die sich im Lack meines armen Autos verewigen. Ohne die Spur vor mir würde ich hier vermutlich keinen Meter weiter fahren. An einigen Stellen folgen wir nicht der Spur, sondern dem deutlichen erkennbaren Verlauf der ursprünglich trassierten Piste und bereuen es spätestens nach wenigen hundert Metern, wo wir uns dann durch besonders übles Gelände quälen müssen, bevor uns die zuvor verlassenen Spuren wieder in ihre Obhut nehmen. Mein Vertrauen zu unserem Spurenzieher wächst ins Unermeßliche. Obwohl ich es mir kaum noch vorstellen kann, wächst meine Spannung immer noch an. Ich beschließe, daß dies eine der aufregendsten Fahrten in meiner Saharakarriere ist. Aber irgendwann erreichen wir - endlich und leider - die engste Stelle des Tales und damit den absoluten Höhepunkt unseres Höllenritts. Wenige Kilometer später spuckt uns das Imirhou in die Ebene und der Traum ist vorbei.

Schnell erreichen wir Illizi und sind natürlich gespannt, ob unsere Freunde mit dem Invaliden auch schon da sind. Die warten bereits gelangweilt auf dem Campingplatz auf uns, haben sich aber noch nicht auf die Suche nach dem Superschweißer gemacht, den ich anläßlich einer Motorradreparatur früher einmal kennen und schätzen gelernt habe. Unsere Bandagen haben so gut gehalten, daß Philipp mit dem Auto so weiterzufahren will. Jochen und ich tun unsere Bedenken kund, aber Philipp bleibt bei seiner Entscheidung.

Natürlich erscheint irgendwann Achmed Zegri und natürlich lädt er uns zum Tee ein. Wir haben eine durchaus angenehme Unterhaltung. Am nächsten Morgen statten wir ihm noch einen kurzen Besuch ab - darum hatte er uns abends vorher auffallend intensiv gebeten - und kurz bevor wir endlich - trotz seines Protestes - losfahren wollen, erscheint doch noch das angekündigte lokale Fernsehteam und ich darf vor laufender Kamera die netten Fragen der hübschen algerischen Interviewerin beantworten. "Woher wir kommen, wie oft wir schon in Algerien waren, wie uns Algerien gefällt, warum wir nicht nach Libyen fahren, wo all die Touristen bleiben ?" usw. Ich antworte schön brav und, wenn ich auch dabei der Tatsache Rechnung trage, daß ich hier in Algerien stehe und mir einige Leute zuhören, sag ich meine ehrliche Meinung. Achmed Zegri scheint das zu gefallen, er steht so mit Stolz geschwellter Brust neben mir, daß ich Angst hab, er kippt vorn über. Leider bekomme ich ansonsten von der Situation nicht viel mit, da ich mich höllisch konzentrieren muß, um das ,was ich sagen will, auf französisch so einigermaßen hinzukriegen.

So, nun geht’s aber endlich los. Die 130 Kilometer bis El Adeb Larache bringen wir schnell hinter uns. Aber nun geht das wieder los: die Kontrollen. Jochen verhandelt mit den Gendarmen. Für sie gibt es nur zwei Alternativen: Entweder wir waren in Tam und Djanet und wollen jetzt nach Norden, oder wir waren noch nicht in Tam und Djanet und wollen jetzt dorthin. Daß wir für die zweite Alternative aus der falschen Richtung kommen, stört sie weiter nicht. Als alle Erklärungen nichts fruchten - wir waren ja nicht in Tam und Djanet und wollen auch nicht dorthin - und dann auch noch Libyen ins Spiel kommt, akzeptieren wir gerne ihren Vorschlag, uns in Illizi doch ein Laisser Passer zu holen. Das ist immerhin besser als von der letzten Kontrolle vor Hassi Messaoud, doch noch nach Tam und Djanet geschickt zu werden. Also zurück nach Illizi und - es ist kaum zu glauben - innerhalb von 10 Minuten erhalten wir dort bei der Gendarmerie Nationale unser Laisser Passer, als wenn das die natürlichste Sache der Welt wäre. Wir fahren zum Campingplatz, um dort zu übernachten und natürlich erscheint kurze Zeit später wieder Achmed Zegri, um sich nach unserem Wohlbefinden, aber insbesondere nach dem Grund unserer Rückkehr zu erkundigen.

Am nächsten Tag brechen wir früh auf und können an diesem Tag dank unseres schönen, neuen Zettels alle Kontrollen, die da sind in El Adeb Larache, kurz hinter dem Aufstieg zum Tinrhert-Plateau (Moufflonsprung) am Abzweig nach Hassi Bel Guebbour, vor Deb Deb und hinter Deb Deb problemlos nach kurzer Überprüfung passieren. Wir übernachten in den ersten Dünen neben der Straße nach Hassi Messaoud. Wenige Kilometer später treffen wir am nächsten Morgen auf den ersten Bohrturm. Ab hier ist die Straße dann auch vollständig von Sand befreit. Da hätte man die restlichen 20 Kilometer Richtung Deb Deb auch noch räumen können!

In der Höhe von Sif Fatima fährt Philipp ins Gelände, eigentlich nur um uns zu demonstrieren, daß wir mit unseren schweren Autos - wir schleppen ja immer noch seinen Kram - dieses kleine Fort nicht erreichen können. Aber es geht doch und so steuert er Sif Fatima an.

Bordj Sif Fatima, "richtige" Koordinaten: 31° 6,825' Nord 8° 41,263' Ost

Leider hat er sich in den Koordinaten etwas vertan und das kleine Fort 10 km nach Westen verlegt. Wir folgen seiner Spur - er ist längst aus Sichtweite - und wundern uns, was er soweit westlich sucht - Jochen hat sich nicht vertan. Plötzlich taucht eine zweite identische Spur auf. Das kann ja heiter werden. Vielleicht ist das ja gar nicht Philipps Spur. Vielleicht sind der oder die Spurenzieher ja schon längst in Hassi Messaoud. Aber bald ist das Rätsel der zweiten Spur gelöst. Da hat einer - hoffentlich Philipp - eine große Schleife gezogen. Schließlich sehen wir ihn wieder, er steht auf einer riesigen Düne und meint, daß genau dort eigentlich Sif Fatima sein müsse. Die Sache ist schnell geklärt. Auch erfahren wir, daß er es war, der unterwegs die halbe Düne weggegraben hat, um sich aus dem Sand zu befreien, aber ist doch klar, er hat doch keine Sandbleche mehr, auch die transportieren wir! Und diesen Ritt, der alles andere als ohne ist, macht er mit einem lädierten Auto. Wir staunen nicht schlecht und sind natürlich auch ein wenig stolz auf unsere offensichtlich sehr gut gelungene Reparatur.

Mit den richtigen Koordinaten finden wir dann Sif Fatima auch schnell und machen dort unsere letzte Außenübernachtung und haben somit unseren letzten Höhepunkt. Diese beiden Worte haben es uns besonders angetan und wir benutzen sie oft, nachdem Jochen von einer geführten Geländewagentour durch Tunesien berichtet hat, bei der die Teilnehmer wegen einer Panne eine Nacht nicht wie gewohnt im Hotel, sondern draußen übernachten mußten und diese eine Außenübernachtung den Höhepunkt der Reise darstellte.

Am nächsten Tag geht es dann zurück zur Straße und dann weiter Richtung Hassi Messaoud. An der zweiten Kontrolle an diesem Tag in Rhourd El Baguel, die erste war am Abzweig nach El Borma, verliert Philipp - ohne es zu merken - seinen Geldbeutel. Die Gendarmen rasen in ihrem Toyota in einem Höllentempo fast 20 Km hinter uns her, um uns einzuholen und dem überraschten Philipp das Portemonnaie zurückzugeben. Ja, was soll man dazu noch sagen, das ist das gefährliche Algerien!

Die Kontrolle vor Hassi Messaud kontrolliert uns nicht, die hinter Hassi Messaoud um so gründlicher - das sind ja auch wieder die Blauen. Dabei erkennt mich einer von ihnen wieder - letztes Jahr war ich ja auch hier - und fragt sofort nach dem Dicken - entschuldige Volker - unserem letztjährigen Superkoch. Der Beamte ist äußerst freundlich und erklärt mir, daß es zur Zeit für Touristen nicht erlaubt ist, von Nord nach Süd, wohl aber - wie wir - von Süd nach Nord zu passieren. Aber ich solle es nächstes Jahr einfach wieder probieren.

Über die kleine Voroase Temacine und nicht über die Hauptstraße und damit an der Kontrolle vorbei erreichen wir am Abend das Hotel Oasis in Touggurt. Am nächsten Morgen geleitet uns unser freundlicher Polizist in Zivil, den wir ja schon von der Hinfahrt her kennen und der, wie er uns jetzt berichtet, auf die in Touggourt arbeitenden und im Hotel wohnenden Spanier aufzupassen hat, zur Polizeistation und liefert uns wieder bei dem Meisterverwechsler ab. Der kann sich an nichts mehr erinnern und beginnt, nachdem ich ihn auf unser drei Wochen zurückliegendes Zusammentreffen hingewiesen habe, mit der Suche nach dem damals ausfüllten Zettel und findet ihn auch sofort nach einer Stunde! Ohne unsere Pässe die ganze Zeit über auch nur eines Blickes zu würdigen, können wir dann weiterfahren. Und diese Bürokratie mit ihrer geballten Intelligenz und äußerst effizienten Maschinerie hat mich vor drei Wochen noch in Angst und Schrecken versetzt!

Wir verlassen Touggourt am Hotel und dann am kleinen See vorbei und umgehen so die Kontrolle am Ortsausgang. Das scheint niemanden zu scheren. In El Oued haben wir noch die Kontrolle am Ortseingang und am Ortsausgang zu überwinden, aber mit dem Versprechen, sofort und ohne weiteren Aufenthalt usw. nach Tunesien fahren zu wollen und sowieso sind wir nur ganz harmlose Touristen, lassen die uns ohne größeren Heckmeck weiterfahren.

Auch die Grenzabfertigung geht einigermaßen zügig . Dabei erlebe ich allerdings zum ersten Mal, daß ein Algerischer Zöllner einen Blick auf und unter das Auto wirft. Dabei sieht er auch, daß Jochen anstatt der beiden schönen Reserveräder, die er unterwegs leicht zweckentfremdet verbraten hat, jetzt nur noch zwei Attrappen bestehend aus zwei dünnen Laufflächen, die von unten natürlich fast wie normale Reserveräder aussehen, auf seinem Dach liegen hat. Aber das stört ihn überhaupt nicht. Der hält wohl nach was anderem Ausschau.

Nach drei Wochen sieht uns Tunesien unversehrt und wohlbehalten wieder. Die Rückreise nach Hause ist dann fast Routine, wenn man von den sehr winterlichen Bedingungen auf dem teilweise spiegelglatten Autobahnabschnitt vom Gotthard bis Köln einmal absieht.

Nun mag ein jeder die im Titel gestellte Frage für sich selbst beantworten und ich denke, daß die Antworten sehr unterschiedlich ausfallen werden. Was mich anbetrifft, so ist die Antwort ziemlich klar: Diese Kontrollen und fast noch mehr die Unsicherheit, ob wir unser Ziel überhaupt ansteuern konnten, haben mich mächtig genervt, um es noch vorsichtig auszudrücken, aber das waren gerade mal zwei Tage. Alles andere hat mir jedoch wieder super gut gefallen und so wird mich Algerien - sofern sich nichts entscheidendes ändert - auch im nächsten Jahr wiedersehen.

Aber hab ich da nicht was vergessen, die Ursache für das ganze Übel, den Terrorismus? Natürlich, aber der wütet zunächst einmal fast ausschließlich im Norden - nach Algier würden mich auch keine 10 Pferde kriegen - und ob das Restrisiko im Süden wesentlich größer ist als das Risiko, sich im deutschen Straßenverkehr zu tummeln oder sich nächtens in Deutschlands Städten - von Brennpunkten ganz zu schweigen - rumzutreiben, wage ich zu bezweifeln. Man hört zwar hier und auch dort unten immer wieder von Überfällen und Anschlägen, die sich dort im Süden abgespielt haben sollen, aber auf meine Fragen, die ich dort vor Ort natürlich stelle, habe ich bisher wenig Konkretes erfahren, d.h. die Leute berichten, daß sie gehört hätten, daß irgendwo irgendwas passiert sei, aber auch nach gezielter Nachfrage erfährt man genaueres so gut wie nie. Darüber hinaus verschwindet angesichts der Kontrollorgien zumindest gefühlsmäßig die Angst vor Anschlägen und Überfällen fast vollkommen. Und im freien Gelände? Wer stellt sich dahin und wartet ein halbes Jahr auf den nächsten Touristen?